Buchcover

Frauen und Fische
der neue Roman von John Paul Brek
jetzt im Handel

Brandaktuell ist das Thema des Romans von J.P.Brek. Die Geschichte erzählt, wie künstliche Intelligenz die Beziehungen zwischen Menschen, aber auch das gesamte Leben auf der Erde verändern könnte. Dafür hat der Autor die Gegenwart etwas in die nahe Zukunft verschoben. Die Welt wurde nach dem politischen Zusammenbruch der Systeme in drei sogenannte MEGA-Domains aufgeteilt. Dort, in einer dieser MEGA-Domains, wächst Sashta, die Protagonistin der Geschichte auf. Schon als junges Mädchen bemerkt Sashta, dass sie anders ist. Zahlen und Mathematik faszinieren sie. Während des Eignungstests für ein Studium an der Universität bemerken die Professoren schnell Sashtas Hochbegabung und ermöglichen ihr, zu studieren. Es dauert nicht lange, bis Sashta heimlich die Arbeit an einem ganz besonderen Computercode beginnt. Ohne zu ahnen, was sie damit ins Rollen bringen. Das ist die eine Handlungsebene des Romans. Die andere spielt tief auf dem Grund des Ozeans und erzählt uns, wie die Natur der Erde unter uns Menschen leidet. Mit großer Einfühlsamkeit beschreibt J.P.Brek das Leben im blauen Kontinent Ozean, der eigentlichen Wiege der Menschheit.
Unbedingt lesen!

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Leseprobe »Frauen und Fische« von John Paul Brek

1. Kapitel

Almaty, 21:17 Uhr, Sektor 05

Bevor sie das Appartement wieder verließen, durchschnitt Ruud das Fixierband, mit dem er Professor Steenbakers Handgelenke vor einer halben Stunde an den Armlehnen des Ohrensessels festgebunden hatte. Das klebrige Zeug wieder herunterzukriegen erwies sich als mühsamer, als er gedacht hatte. Sein Begleiter musste ihm schließlich helfen und die schlaffen Unterarme festhalten. Die Reste knüllte er einfach zusammen und steckte sie in die Hosentasche. Dann verließen Ruud und der Cyrob ohne Eile das Appartement. Ruud entschied sich vorsichtshalber für den Weg über das Treppenhaus des vierstöckigen Flachbaus. Er wollte unbedingt vermeiden, dem Medirob Notfallteam im Lift zu begegnen, denn Emmett Steenbaker war nicht tot, noch nicht. Sollten sie innerhalb der nächsten 5 Minuten hier Vorort eintreffen, würde Steenbakers Zukunft vielleicht noch eine Chance haben.

Emmett war bei vollem Bewusstsein, er hatte keine Schmerzen und sein Gehirn formulierte klare Gedanken. Aber er schien keinen Körper mehr zu haben, denn nichts von diesem Fleisch, das seinen Geist umgab, gehorchte ihm noch. Langsam begann Emmett zu begreifen, was dieser Kerl ihm angetan hatte. Die Injektion der NeuroBots in seinen Blutkreislauf hatte genau so gewirkt, wie es der Kerl vorausgesagt hatte. Die NeuroBots waren zuerst in sein Rückenmark und dann weiter in seinen motorischen Cortex gewandert und hatten innerhalb weniger Minuten seine gesamte Muskulatur vollständig gelähmt. Das vorausgesagte »locked in Syndrom« war vollständig eingetreten. Emmett war eingesperrt in einem unbrauchbar gewordenen Haufen aus organischem Gewebe. Und das würde auch für den Rest seines Lebens so bleiben, falls die Medirobs ihn rechtzeitig finden und retten würden. Warum hat er mich nicht einfach umgebracht, dachte Emmett, oder wenigstens bewusstlos geschlagen.

Sein schlaffer Körper war tief in den Ohrensessel gesunken. Starr fixierten seine Augen unentwegt einen kleinen Schmutzfleck auf der Scheibe des Wohnzimmerfensters. Seine Kinnlade stand offen und die Zungenspitze hing ein wenig aus der Mundhöhle heraus. Er war durstig. Emmett bemerkte, dass seine Augenlider nervös blinzelten. Sofort versuchte er, die Augen zu schließen und wieder zu öffnen. Das ging, seine Lider gehorchten ihm also noch. Aber was soll das jetzt noch nützen, dachte er? Seine Atmung wurde zusehends schwächer. Die Lungenmuskulatur, das ist das Ende. Panik, so ist das also, wenn es zu Ende geht. Emmett verstand plötzlich, was Todesangst bedeutete. Tausende Gedanken wirbelten durch sein Bewusstsein. Konzentriere dich auf Atmen, du musst atmen, Emmett, Luft, du erstickst, Hilfe, ich bekomme keine Luft mehr, Hilfe, lautlos schrie der alte Professor um Hilfe. Endlich Schritte, das sind doch Schritte, hastige Schritte, die auf mich zulaufen? Die Lungenmuskulatur versagte, durch Emmetts Gehirn brauste ein Farbensturm, er halluzinierte, hörte Kommandos, verlor einige Sekunden das Bewusstsein, erwachte wieder, hörte wieder Getrampel, laute Geräusche, alles kam schnell näher. Da, die Eingangstüre des Appartements schlug gegen die Wand, ein Medirob beugte sich über den Ohrensessel. Das Notfallteam hatte ihn gefunden. Emmett rannen die Tränen übers Gesicht, dann wurde er ohnmächtig. Ein kurzer Scan genügte. Sofort schob einer der Medirobs Emmett einen Tubus in die Luftröhre und begann mit der künstlichen Beatmung. Die zwei anderen hoben den schlaffen Körper aus dem Ohrensessel und legten ihn flach auf den Boden. Der Truppführer beugte sich über Emmetts Brustkorb und begann mit der Herzdruckmassage. Sein Kollege rief einen Medicopter.

Vier Jahre früher

Die Straßen in Sektor 01 waren noch menschenleer. Nur ein kleiner Spatz hüpfte über die Straße. Emmett lächelte. Die kleinen Vögelchen waren selten geworden. Am Rande eines weitläufigen Parks hielt das Nomo-Taxi an und ließ ihn aussteigen. Er fuhr sich durch die nachlässig frisierten grauen Haare und wartete ab, bis der führerlose Wagen weggefahren und nicht mehr zu sehen war. Unsicher blickte er sich um, niemand war zu sehen. Nur ein einsames Zwitschern war zu hören. Er bückte sich und befühlte den Rasen des Parks. Es war echter, natürlich gewachsener Rasen, etwas ganz Besonderes. Professor Steenbaker hielt sich seine taufeuchte Hand unter die Nase und genoss den frischen Grasduft. Langsam wurde die Zeit knapp. Rasch ging er über die beleuchteten Bodensteine auf den Seiteneingang des eleganten Wohnturms zu. Bioex-Scanner, die gut getarnt in einigen der Steine versteckt waren, überprüften währenddessen mehrfach seine Identität. Schließlich stand er, etwas außer Atem, vor dem schlichten Seiteneingang. Ein weiterer Scan, dann entriegelte die KI des Sicherheitssystems die Aratitantüre. Ein dunkelroter Holo-Pfeil wies dem Besucher den Weg. Er trat über die Schwelle und fand sich in einem dunklen Kubus wieder. Hinter ihm zischte die Hydraulik der Aratitantüre. Die freundliche Stimme des Sicherheitssystems forderte ihn auf, sich in den markierten Bereich in der Mitte des Kubus zu begeben. Er wusste, was jetzt gleich passieren würde. Die Luft zwischen der Eingangsschwelle und dem Zugang zum Kubus begann sich zu verdichten. Grün-rot-gelb pulsierende Lichtschlieren erstarrten zu kristallinen Strukturen. Dann dieser kurze, grelle Lichtblitz. Die metamorphe Kabinentüre hatte den Kubus nahtlos verschlossen.

Die Augen des Besuchers hatten einige Mühen sich an das plötzliche Halbdunkel zu gewöhnen, denn lediglich ein umlaufendes Lichtband am oberen Rand der Seitenwände spendete ein wenig Licht. Der Linearmotor des Kubus beschleunigte zügig. Es ging rasch aufwärts. Emmett empfand das leichte Kribbeln in seinen Waden als durchaus angenehm. Doch schon bremsten starke Magnetfelder den Kubus nach und nach wieder auf Schritttempo herunter. Vor dem Eingang der Sicherheitsschleuse im 46. Stockwerk war die Fahrt zu Ende. Die KI des Sicherheitssystems gab die Anweisung, die Kabinentüre zu öffnen. Ein gleißend heller Lichtvorhang blendete den Besucher. Zwischen den grün-rot-gelben Lichtschlieren flirrten unzählige winzige Partikel durch die Luft. Er hielt sich schützend eine Hand vor die Augen. Nach und nach wurde die feste Struktur der Kabinentüre wieder durchlässig, der Ausgang war freigegeben, der Kubus wieder geöffnet. Ein grüner Holo-Pfeil wies dem Besucher die Richtung. Vorsichtig blinzelte Emmett durch die Finger seiner rechten Hand hinein in die Sicherheitsschleuse. Mit etwas Mühe erkannte er die schemenhafte Silhouette eines bewaffneten Cyrobs. Der Androide erwartete ihn offensichtlich. Stumm deutete die menschenähnliche Maschine auf einen am Fußboden blau markierten Kreis. Der Professor trat hinein. Sofort umhüllte ihn ein signalrot glimmender Partikelschirm. Der Genex-Scanner erfasste seine DNA und verglich sie mit der entsprechenden Sequenz im Zentralregister. Das Ergebnis war positiv. Die Farbe des Partikelschirms wechselte hin zu einem matten Orange. Nun wurde der Besucher nach unerlaubten Gegenständen abgetastet. Das Ergebnis war negativ. Der Partikelschirm gab den Besucher frei. Die KI der Sicherheitsschleuse erteilte ihm eine auf 45 Minuten begrenzte Zugangsberechtigung. Der Cyrob trat einen Schritt zur Seite. Sein Mimikalgorithmus versuchte, ein glaubhaftes Lächeln zu simulieren. Freundlich begrüßte er den Besucher.

»Guten Morgen, Professor Steenbaker. Ratsfrau Abbadashi erwartet sie bereits. Bitte folgen Sie mir.«

Die waffensichere Aratitantüre der Sicherheitsschleuse öffnete sich und der Professor durfte das Dienstappartement von Ratsfrau Abbadashi betreten. Der Cyrob ging voraus und lief einen langen Gang entlang, auf die andere Seite des Stockwerks. Dort lagen die privaten Empfangsräume von Nabila Abbadashi. Die KI des Sicherheitssystems führte den Cyrob weiter bis vor die Türe des Konferenzraums. Dort übergab sie die Zugangskontrolle an Ratsfrau Abbadashi.

Die Ratsfrau saß bereits seit zehn Minuten ausgestreckt in einem der Besuchersessel des Konferenzraums und beobachtete das morgendliche Schauspiel auf einem der Monitore. Es hätte sie nicht die geringste Überwindung gekostet, sofort wieder einzuschlafen. Aber sie hatte diesen Termin nun mal persönlich zugesagt. Also stand sie auf, gähnte noch einmal ausgiebig und gab dem Sicherheitssystem schließlich die Anweisung, die Türe zu öffnen. Der Cyrob trat als erster ein und bezog neben der Eingangstüre Posten. Professor Steenbaker blieb aus Höflichkeit vor der Türe stehen und wartete darauf, von Frau Abbadashi hereingebeten zu werden.

»Guten Morgen Emmett. Bitte, kommen Sie doch herein.« Die große, schlanke Frau mit den nachlässig hochgesteckten schwarzen Haaren hieß den Professor mit einem professionellen Lächeln willkommen. Die aufrechte Haltung und ihr unverstellter Blick ließen keinen Zweifel daran, dass sie sich ihrer hohen Stellung ganz und gar bewusst war. Nabila Abbadashi war eine von sieben gewählten Ratsfrauen des Großen Rats.

Emmett Steenbaker folgte der Aufforderung und trat ein. Er hatte kaum geschlafen und war jetzt sichtlich aufgeregt. Mit einer leichten Verbeugung begrüßte er die Ratsfrau.

»Guten Morgen, verehrte Frau Abbadashi.« Die Ratsfrau antwortete nicht. Sie zog es vor, abzuwarten. Für gewöhnlich war der Professor nicht um Worte verlegen. Eine Pause entstand.

»Nun … vielen Dank.« Der Professor räusperte sich und drehte sich kurz nach dem Cyrob um. »Ich war mir nicht sicher, ob Sie mich empfangen würden.«

»Sie haben es sehr eilig gemacht, Emmett. Möchten Sie auch eine Tasse Tee? Sie sehen aus, als ob Sie eine gebrauchen könnten.«

»Nein … ja … ähh .. nein, keinen Tee, bitte. Sie … Sie haben doch sicher auch schon davon gehört, oder nicht?« Professor Steenbaker schaute Abbadashi erwartungsvoll an.

»Kommt darauf an. Wovon sollte ich denn gehört haben? Wirklich keinen Tee?«

»Eine Tasse vielleicht, wenn es keine Umstände macht.«

»Netcon: Belfort bitte.«, rief Abbadashi in Richtung ihres Schreibtisches, »Belfort, bitte bringen sie uns eine Kanne schwarzen Usambara, Milch und Zucker, aber keine Zitrone! Noch etwas, Emmett?«

»Nein, vielen Dank.«

»Also eine Kanne Usambara, Milch, Zucker und heißes Wasser. Und machen Sie den Tee ruhig stark.«

Steenbaker hatte die Hände in die Hosentaschen gesteckt und starrte ziellos aus dem wandbreiten Panoramafenster. Er musste dringend etwas loswerden, das war ihm anzusehen.

»Was ist los, mein lieber Emmett? Hat es Ihnen die Sprache verschlagen?«

»Nein, nein … aber … soll ich? Oder warten wir noch auf den Tee?«

Dieser graue Hosenanzug ist wirklich bequem, dachte Abbadashi, während sie das knappe Jackett auszog und auf den Boden fallen ließ. Die Spannung im Raum war geradezu mit den Händen greifbar, das gefiel Nabila. Mit einem Seufzer ließ sie sich in einen der Besuchersessel fallen. »Lassen wir das höfliche Geplänkel einfach weg, Emmett. Wir kennen uns doch gut genug, oder?«

»Unbedingt. Das wäre mir sehr recht.«

»Wollen Sie sich zu mir setzen?«

»Nein danke. Ich stehe lieber, wenn Sie erlauben.« Steenbaker atmete einige Male tief durch, dann begann er seinen Bericht.

»Vor einem halben Jahr hat das neue Semester angefangen. Unter den Erstsemestern meiner Fakultät ist eine junge Frau, Stipendiatin von Senghai-Boxter. Das Bildungsdezernat in Almaty hat sie als hochbegabt eingestuft. Da war sie gerade mal vierzehn Jahre alt. Stellen Sie sich vor, Ratsfrau, als Kommentar steht im Abschlussbericht des Prüfungskomitees: Frau Tumaghuchi war mit den gestellten Prüfungsaufgaben deutlich unterfordert. Ihrer eigenen Aussage nach, waren die Aufgaben der Stipendiatsprüfung ganz nett, aber nicht wirklich schwierig.«

Die Türe des Konferenzraums ging auf. Belfort kam mit dem Tee herein.

»Ahh, mein lieber Belfort. Guten Morgen, wie geht es Ihnen heute?«

»Guten Morgen Ratsfrau, mir geht es bestens, danke«, erwiderte Belfort.

»Stellen Sie das alles hier einfach auf den Beistelltisch. Und verschieben Sie doch meine nachfolgenden Termine jeweils um 30 Minuten. Ich danke Ihnen. Ach, noch was. Vergessen Sie nicht, die Zugangsberechtigung von Professor Steenbaker auch zu verlängern.«

»Selbstverständlich, wird erledigt.« Belfort stellte das Tablett mit Tassen, Besteck, Teekanne, Milch und Zucker ab und fragte: »Soll ich den Tee gleich anrichten?«

»Bitte. Herr Professor?« Steenbaker nickte. Belfort goss zwei Tassen Tee ein, verbeugte sich und verließ den Konferenzraum wieder.

»Nun, offenbar ist die neue Stipendiatin sehr talentiert. Glück für Senghai-Boxter. Aber was habe ich damit zu tun?«

»Wenn Sie erlauben, ich bin mir ziemlich sicher, dass Frau Tumaghuchi viel mehr ist, als nur ’sehr talentiert’. Sie ist ein Ausnahmegenie.«

Abbadashi nahm einen Schluck Tee. »Umso besser. Wir brauchen guten Nachwuchs! Auch noch etwas Milch, Emmett? Der Tee ist wirklich sehr stark.«

»Ein wenig, ja«, stimmte der Professor zu.

»Trotzdem, Stipendien, Hochbegabtenförderung, Universität, das alles fällt nicht in meinen Aufgabenbereich. Was also kann ich für Sie tun?«

»Natürlich nicht. Das ist mein Aufgabengebiet.« Professor Steenbaker war jetzt ganz in seinem Element. Endlich konnte er Nabila Abbadashi von den Geschehnissen der vergangenen sechs Monate berichten. Sichtlich entspannt ging er im Konferenzraum auf und ab.

»Sehen Sie, Ratsfrau, ich weiß mittlerweile so einiges über Frau Tumaghuchi. Seit ich ihr zu Beginn des Semesters angeboten habe, ihre akademische Betreuung zu übernehmen, tauschen wir uns regelmäßig aus. Deshalb weiß ich auch von ihrem persönlichen Projekt.«

Ratsfrau Abbadashi hatte sich in dem Besuchersessel aufgerichtet und blickte den Professor erwartungsvoll an.

»Sie entwickelt etwas … Großes .. etwas, dass vielleicht einmal die Macht haben wird, die menschliche Existenz, wie wir sie kennen, infrage zu stellen.«

»Aahhh«, stöhnte Abbadashi und rutschte wieder ein Stück tiefer in den Sessel hinein, »geht es etwa schon wieder um die Gefahren der künstlichen Intelligenz?« Professor Steenbaker ließ sich nicht entmutigen.

»Ja und nein. Diesmal geht es um viel mehr. Hätte ich mir sonst erlaubt, Sie um diese Zeit zu stören? Frau Tumaghuchi nimmt die Essenz des Menschen und übersetzt sie in einen unsterblichen Quellcode. Das beunruhigt mich.«

Ratsfrau Abbadashi stellte ihre Teetasse zurück auf den Beistelltisch und erhob sich aus dem bequemen Besuchersessel.

»Wovon reden Sie, Emmett? Könnten Sie sich etwas weniger philosophisch ausdrücken?«

»Natürlich. Ich rede von der Entwicklung des ersten künstlichen humanoiden Bewusstseins.« Abbadashi wollte etwas sagen, aber Professor Steenbaker winkte ab.

»Ja, ich weiß, mein Lieblingsthema, aber bitte, lassen Sie es mich erklären. Sakushtaseh bastelt nicht etwa an einem weiteren quasiintelligenten Algorithmus, der unseren Alltag erleichtern soll. Sie übersetzt das, was uns Menschen offenbar so einmalig macht im Universum, nämlich unser Bewusstsein, in einen Computercode. Dieser Quellcode wird erstmals die Fähigkeit besitzen, seine eigene Existenz zu erkennen.«

Nabila Abbadashi war nicht besonders beeindruckt. Aber das bemerkte Steenbaker nicht. Sein Lieblingsthema hatte ihn schon wieder gefangen genommen.

»Dieser Code wird eigene Vorstellungen davon entwickeln, was die eigentliche Bedeutung der Muster ist, die er aus unserer Welt empfängt. Er wird eigene Hypothesen darüber anstellen, welch vielfältige Spuren seine Existenz in der Welt hinterlassen könnte. Er wird in der Lage sein, die Welt so zu begreifen und wahrzunehmen, wie wir Menschen das tun. Er wird sich selbst replizieren und weiterentwickeln. Frau Abbadashi, stellen Sie sich nur einmal vor, zu was ein derartiger Code fähig wäre, würde man ihn mit unserem stärksten Cyrob Modell kombinieren.«

»Aber das klingt doch fantastisch, Emmett, die Menschen werden begeistert sein«, sagte Abbadashi. Doch dann wurde ihr Gesichtsausdruck ernst. »Andrerseits klingt es auch wie das Drehbuch zur Apokalypse, Mensch gegen Maschine, was denken Sie darüber?«

»Nun, ich will Sie nicht unnötig beunruhigen, Ratsfrau, aber ich bin überzeugt, dass bewusste Maschinen bald die Kontrolle über uns übernehmen würden, und das hieße dann, dass wir Menschen nicht mehr allein über unser Schicksal entscheiden könnten.«

»Nicht mehr allein, oder gar nicht mehr?

»Das hängt ganz davon ab, wer den Quellcode zuerst in die Finger bekommt«, antwortete Steenbaker.

»Wer weiß denn noch von dem Quellcode, ich meine, außer Ihnen selbst?« Steenbaker zuckte mit den Schultern.

»Vermutlich genau die falschen Leute, deshalb bin ich ja heute zu Ihnen gekommen. Ich bin nicht stark genug, um Sakushtaseh zu beschützen«, antwortete der Professor.

»Und Sie glauben, ich könnte das?«, fragte Abbadashi.

»Sie sind ein hoch angesehenes Mitglied des Großen Rats, Frau Abbadashi, ich kenne sonst niemanden, der über so viel Einfluss verfügt wie Sie, Ratsfrau«, erwiderte Steenbaker.

»Danke für die Blumen, Emmett«, lächelte Abbadashi, »an wen denken Sie, wenn Sie von den falschen Leuten sprechen?«

»An Counselor ta Bela und die »Freunde der Erneuerung«, antwortete der Professor wie aus der Pistole geschossen.

»Habe ich mir gedacht. ta Bela hat über die Studiendaten von dem Quellcode erfahren, oder?«, fragte Abbadashi.

»Ja, aber ich habe nicht alle …«, Steenbaker zögerte und musterte verlegen seine abgewetzten Schuhspitzen, »kurz und gut, ich habe nicht alle Daten an das Studiendezernat von Senghai-Boxter übermittelt.« Abbadashi lachte laut auf. »Entschuldigen Sie, Emmett, ich hatte Sie nicht für so mutig gehalten. Sie haben also ganz allein versucht, Counselor ta Bela Informationen vorzuenthalten?«

»Wenn Sie es so nennen wollen«, nuschelte Steenbaker.

»Jetzt verstehe ich Ihren heutigen Besuch, ta Bela und die »Freunde der Erneuerung« sind wirklich eine Nummer zu groß für Sie.«

»Hören Sie, Ratsfrau, seit der Ernennung von Sarongh ta Bela zum Special Counselor für KI-Sicherheit ist die Universität kein sicherer Ort mehr. Seine snoop bots sind überall«, beklagte sich Steenbaker.

»Ich weiß, Professor, command hat nicht umsonst dafür gesorgt, dass sein Schützling dieses hohe Amt bekommt. Aber was soll ich machen, die »Freunde der Erneuerung« haben nun mal die Mehrheit im Großen Rat«, antwortete Abbadashi lapidar.

»Was uns wieder zu Frau Tumaghuchi und dem Quellcode zurückbringt, command und die »Freunde der Erneuerung« sind Verfechter der Theorien des Transhumanismus. Der Quellcode würde sie ihren Zielen ein ganzes Stück näher bringen«, sagte Steenbaker, »erinnern Sie sich nur an die Antrittsrede von ta Bela.«

»Ich weiß, Emmett, er hat sich klar und deutlich zu dem Thema bekannt«, antwortete Abbadashi, »was meinen Sie, ist Frau Tumaghuchi überhaupt bewusst, welche Folgen ihre Arbeit haben könnte?«

»Sakushtaseh ist jung, leidenschaftlich, ehrgeizig und schier besessen von ihrer Idee. Ich glaube, sie denkt nicht soviel darüber nach, was alles passieren könnte. Ich habe schon mit ihr darüber gesprochen, aber sie findet, ich bin überängstlich. Nun, vielleicht hat sie damit ja auch recht.«

»Ja, ich denke, sie hat recht damit«, lächelte Abbadashi, »ich werde sehen, was ich für sie tun kann.«

»Und was raten Sie mir, was soll ich als Nächstes tun?«

»Sie werden gar nichts tun, Emmett. Gehen Sie heute in die Universität, unterrichten Sie und übermitteln Sie die vollständigen Studiendaten von Frau Tumaghuchi an das Studiendezernat von Senghai-Boxter. Und sagen Sie Ihrer genialen Studentin, sie soll ihre Daten besser schützen, das dürfte ihr ja nicht schwerfallen«, antwortete Abbadashi.

Der Professor trat einen Schritt näher an die Ratsfrau heran. Mit einer ruhigen, aber unmissverständlichen Bewegung richtete der Cyrob seinen Waffenarm auf ihn aus.

»Nur die Ruhe. Professor Steenbaker wird mir schon nichts antun«, wandte sich Abbadashi an ihren Leibwächter. Der Cyrob senkte seinen Waffenarm wieder und zog sich zurück.

»Bitte helfen Sie ihr, dieser command ist nicht zimperlich«, flüsterte Steenbaker.

»Haben Sie Angst, Emmett?« Steenbaker senkte den Blick. »Ja, ich habe Angst. Nicht so sehr um mich selbst, aber um Sakushtaseh und all die Menschen da draußen.«

»Angst, mein lieber Emmett, ist ein guter Ratgeber für die, die sie bereiten, aber niemals für diejenigen, die sich ihr hingeben.«

Ratsfrau Abbadashi reichte dem Professor die Hand.

»Danke lieber Emmett. Mein persönlicher Assistent«, sie winkte den Cyrob heran, »wird Sie zurück zum Kubus begleiten.«

2. Kapitel

Der erste Kontakt, 4 Jahre später, Mami Wata Riff

Schwarze, zersplitterte Planken ragten da und dort zwischen den Ästen der Korallen hervor. Dazwischen kräuselten sich verrottete Schiffstaue, in die sich unzählige Muscheln nebeneinander und übereinander verwoben hatten. Es war heller Tag. Etwas Großes warf seinen Schatten auf die Riffwand. Ein kurzes Summen, dann sog der Schatten blubbernd Wasser in sein Inneres. Mit einem sandigen Knirschen kam der Schatten zur Ruhe. Der Rumpf des Tauchboots hatte sich in den Meeresboden geschoben. Unendlich langsam kippte der graue Zylinder gegen die dunkle Öffnung des Korallenriffs. Blitzschnell zogen sich unzählige Tentakel kleiner Polypen in die Kalkröhren ihrer Kolonie zurück. Der flossentragende Teil des lebendigen Treibens verschwand aufgeschreckt in engen Spalten, oder suchte sonst wo Schutz im Gewirr der Korallenstadt. Einige Seesterne wechselten die Farbe, Muscheln schlossen ihre Schalen, und Langusten bugsierten umständlich ihre empfindlichen Hinterteile unter schützende Korallenäste.

Nur zwei unerschrockene Büschelbarsche ließen das seltsame Ding nicht aus den Augen. Die beiden Korallenwächter hockten weit oben auf dem flachen Blatt einer Tafelkoralle und linsten von dort vorsichtig über den Rand. Das Ding rührte sich nicht. Schwer lag der zylinderförmige Körper vor dem Zugang ins schützende Innere des Korallenriffs.

Die kleinen Büschelbarsche schnappten kurz, als sich zappelnd ein grüner Riesendrückerfisch aus einer Riffspalte herauszwängte. Ruhig musterte der große Fisch das fremde Ding. Eine sachte Strömung hob ihn über den Bug des Tauchboots hinweg. Mit einigen wenigen Schlägen seiner Brustflossen brachte er zwei, drei Körperlängen Abstand zwischen sich und den Fremdling. Für gewöhnlich griff der grüne Riesendrückerfisch jeden Eindringling sofort an, aber das hier war viel zu groß. Dieses Ding gefiel ihm nicht. Vorsichtig ließ er sich die Steuerbordseite entlang bis zum Heck des Tauchboots treiben. Das sah interessant aus. War das die Schwanzflosse des seltsamen Besuchers? Ziemlich klein für so ein großes Ding. Der Riesendrückerfisch schwamm um das Heck des Tauchboots herum. Genau in der Mitte ragte ein seltsam aussehendes Gebilde heraus. Es schien direkt aus dem Hinterteil des Fremdlings herauszuwachsen.

Sieben flache, sichelförmige Blätter hingen fest an einem kurzen Stamm. Die Blätter bewegten sich nicht. Sie waren glatt und sahen aus wie die harten Schalen einer Sandmuschel. Hunger und Appetit erinnerten den großen Fisch an seinen leeren Magen. Doch seine Erfahrung mahnte ihn zur Vorsicht. Vielleicht waren diese Blätter nur ein geschickter Köder, um hungrige Fische wie ihn ins Verderben zu locken. Er schwamm ein Stück weiter weg. Aus sicherer Entfernung beäugte er ausgiebig die sieben sichelförmigen Blätter der Schiffsschraube. War das nun ein geschickt getarnter Hinterhalt oder einfach eine schnelle Mahlzeit? Noch verriet ihm nichts einen Hinterhalt. Hunger und Appetit bekamen langsam Oberhand. Beherzt schwamm der Riesendrückerfisch wieder ein Stück näher an den Schiffspropeller heran. Immer noch keine verdächtige Bewegung. Ein kurzer kräftiger Schlag seiner Schwanzflosse katapultierte ihn ganz nah neben eines der Schraubenblätter. Gierig stupste er mit seinen kräftigen wulstigen Lippen ein paar Mal gegen den Rand des Blatts. Nichts. Er ließ seine beiden Kugelaugen kreisen. Das Ding lag noch immer ganz ruhig im Sand und rührte sich nicht. Ohne zu zögern schlug der grüne Riesendrückerfisch seine massiven Kegelzähne in das stählerne Blatt und zerrte unter heftigem Flossenschlagen daran herum. Prompt drehte sich der Schiffspropeller mitsamt dem hungrigen Fisch eine Vierteldrehung dem Meeresboden entgegen. Augenblicklich löste der seinen Biss und schoss vier, fünf Körperlängen davon. Mit seinem rechten Kugelauge beobachtete er nervös den Bug des Fremden, mit seinem linken die sieben Schraubenblätter am Heck. Seine Position war ungünstig.

Hinter ihm verschmolz das spärliche Tageslicht mit dem tiefen Blau des unendlichen Ozeans zu einem gefährlichen dunklen Universum, direkt vor ihm lag dieses unheimliche Ding im Sand, und erst dahinter erhob sich das sichere Korallenriff mit dem großen Loch in der Mitte. Der grüne Riesendrückerfisch rührte sich nicht. Sein rechtes Kugelauge wanderte nun unaufhörlich zwischen dem Schiffspropeller und dem Bug des Tauchboots hin und her. Weder von dem einen, noch von dem anderen Ende des Eindringlings schien im Moment Gefahr auszugehen. Doch sein linkes Auge hatte etwas auf dem Rücken des Dings entdeckt. Dort, wo bei Fischen für gewöhnlich die Rückenflosse saß, trat ein seltsamer Auswuchs mit einem großen Auge in der Mitte hervor. Das sah gefährlich aus. Ob es ihn schon die ganze Zeit über beobachtet hatte?

Noch nie hatte er ein so riesiges Auge an einem Meeresbewohner gesehen. Hunger und Appetit im Magen des Riesendrückerfischs überließen ihren Platz einem mulmigen Gefühl der Angst. Weg, schnell weg von hier, durchzuckte es den Riesendrückerfisch. Eine sanfte Strömung strich über seinen Körper hinweg. Dankbar nutzte er die Gelegenheit. Mithilfe seiner kleinen Brustflossen trieb er langsam dem Bug des vermeintlichen Untiers entgegen.

Als er die Mitte des Dings erreicht hatte, begann es aus dem Rumpf des Tauchboots zu blubbern und zu gurgeln. Der große Fisch erstarrte augenblicklich. Er war dem unheimlichen Besucher in die Falle gegangen. Jetzt war er die Mahlzeit. Alles nur wegen ein paar Muscheln. Mit weit aufgerissenen Kugelaugen fixierte er das glitzernde Bullauge im Turm des Tauchboots. Da, hatte es sich nicht gerade bewegt? Das Auge wurde größer, wurde kleiner. Es surrte und fixierte ihn unaufhörlich. Sein kaltes Herz überschlug sich fast, es hatte Todesangst. Aus dem Leib des Riesen blubberte und gurgelte es unentwegt weiter. Es freut sich schon aufs Essen, durchschoss es den Riesendrückerfisch.

Plötzlich, eine starke Strömung hob den angststarren Fisch unsanft über das Tauchboot hinweg, in die Höhe. Kaum hatte der Riesendrückerfisch hinter dem grauen Stahlzylinder das rettende Korallenriff erblickt, schoss er mit ein paar kräftigen Schlägen seiner Schwanzflosse darauf zu und zwängte sich mit aller Gewalt zwischen die verzweigten Äste einer staubgrauen Fingerkoralle. Der Aufprall seines massigen Körpers richtete einigen Schaden an dem vielgliedrigen Korallenkörper an. Aber seine panische Angst hatte ihm keine andere Wahl gelassen.

Jetzt, nahezu gänzlich verborgen in dem undurchdringlichen Gewirr der Fingerkorallen, beobachtete der Riesendrückerfisch aufgeregt, was mit dem seltsamen Wesen vorging. Durch ein Loch in seinem Bauch saugte es gurgelnd Meerwasser in sich hinein.

Einige Luftblasen lösten sich von dem Schiffskörper und schwebten wie winzige Montgolfieren hinauf zur Wasseroberfläche. Dann aber, wurde es wieder ganz still um den fremdartigen Besucher.

3. Kapitel

Almaty, Büro Nabila Abbadashi

Als Emmett Steenbaker gegangen war, setzte sich Nabila Abbadashi an ihren Schreibtisch und öffnete die Holo-Projektion mit den Daten der letzten Aktivitäten von Counselor ta Bela.

Sie erinnerte sich noch gut an ihr erstes Zusammentreffen mit dem hochgewachsenen, schlanken jungen Mann. Es war der Tag, an dem ihn der Große Rat zum Special Counselor für KI Sicherheit ernannte. Er gehörte somit dem MKS, dem Ministerium für KI-Sicherheit an. Das Amt bescherte ihm weitreichende Befugnisse und einen unbegrenzten Zugang zu allen Datenquellen der drei MEGA-Domains. Als SC für KI Sicherheit war er fortan nur noch den Angehörigen des Großen Rats gegenüber berichtspflichtig. Es hätte nicht besser laufen können für den Sohn einer wohlhabenden und einflussreichen Familie aus Südostasien.

Die Vorsitzende Ratsfrau Anahira Tanaka persönlich hieß ihn in seinem neuen Amt willkommen und überreichte ihm feierlich den stahlblauen Netcon der höchsten Sicherheitsstufe, das äußere Zeichen seiner Macht. Anahira Tanaka lächelte und wartete, aber in ta Belas Gesicht zeigte sich keinerlei Regung. Fast schien es, als wüsste er nicht, was gerade passiert war. Mit abwesender Miene nahm er den Netcon mit dem eingravierten Symbol der drei sich einander zuneigenden Türme entgegen und ließ ihn beiläufig in seine Sakkotasche gleiten. Die geladenen Gäste waren irritiert. Sie hatten wenigstens einige Worte des Dankes von ihm erwartet. Hier und da unterbrach ein verstimmtes Husten die Spannung im Saal. ta Bela aber, blickte nur gleichmütig auf sein Publikum.

Dann endlich wendete er sich mit einer leichten Verbeugung an die Angehörigen des Großen Rats. Er griff in seine Sakkotasche, holte den Netcon wieder heraus und hielt ihn einer Siegestrophäe gleich, hoch über den Kopf. Die Spannung im Saal steigerte sich noch einmal, als ta Bela sich seinem Publikum zuwendete und auch ihm das Zeichen seiner Macht präsentierte. Der einsetzende Applaus ließ niemanden im Zweifel, wer zu seinen Unterstützern zählte, und wer zu seinen Feinden. Die Bilanz war ta Bela immerhin ein schmales Lächeln wert.

Und erst jetzt, als er den Saal auf ganz seiner Seite wähnte, begann er, die Angehörigen des Großen Rats ausführlich für ihre zweifelsohne weise Entscheidung zu loben. Kurz, er gab sich während der gesamten Zeremonie nicht die geringste Mühe, seine Eitelkeit und sein Machtbewusstsein zu verbergen.

Dann trat er selbstbewusst ans Rednerpult. Selbstverständlich ohne Manuskript. Seine Antrittsrede war brillant und fachlich auf allerhöchstem Niveau. In geschliffener Rhetorik schilderte er, wie seiner Überzeugung nach die weitere Entwicklung der künstlichen Intelligenz auszusehen habe. Die Zukunft, so seine Kernaussage, liege nicht etwa in gut konditionierten Agenten, sondern in humanoiden Hybridwesen. Nur so könne der menschliche Geist nach Jahrtausenden aus seinem fleischlichen Gefängnis befreit werden.

Nach dieser Eröffnung hielt ta Bela kurz inne und blickte für einige Sekunden stumm in den Saal. Das gefiel ihm. Er genoss diese Momente, diese wenigen Schrecksekunden, bevor sich in den Augen seiner Zuhörer entweder schiere Begeisterung oder blankes Entsetzen zeigten. Dann fuhr er fort.

Durch die Verbindung einer unsterblichen Technologie mit der grenzenlosen Potenz des menschlichen Geistes werde eine gänzlich neue Spezies geschaffen werden. Eine Spezies, in der hochmodernes Rechnerdesign mit der Vielschichtigkeit des menschlichen Denkens vereint sein wird. Selbsterkenntnis, Gedanken und Ideen werden nicht mehr das Gerüst einer empfindlichen Kohlenstoffhülle brauchen. Der Geist wird vergessen, was Schmerzen, Hunger, Durst und Krankheit einst bedeuteten. Diese neue Spezies wird wirklich frei sein. Sie wird den übervölkerten Heimatplaneten des alten Menschen verlassen und den Geist in seine ursprüngliche Heimat, das Universum, zurückführen.

»Sie und ich, verehrte Damen und Herren, wir alle stehen vor nichts weniger als dem größten evolutionären Schritt in der Geschichte der Menschheit«, beendete ta Bela seine Antrittsrede.

Fast hätte er sich selbst applaudiert. Doch Ratsherr Fabio Thilman aus dem Lager der »Freunde der Erneuerung« kam ihm zuvor. Er erhob sich als Erster und begann ta Bela zu applaudieren. Die Angehörigen des Großen Rats sahen sich gezwungen, es ihm nachzutun. Geschlossen erhoben sie sich und folgten höflich dem Beispiel von Ratsherr Thilman, wenn auch mit unterschiedlicher Begeisterung. Der Saal schloss sich an.

Beim anschließenden Empfang wurde die Rede angeregt diskutiert. ta Belas Ausführungen über die Schaffung einer neuen Spezies hatten Gäste wie Ratsmitglieder auf beklemmende Weise fasziniert. Hier und da betrachteten Frauen wie Männer verstohlen ihre Arme und Beine oder einfach nur ihr Gegenüber, so als stellten sie sich bereits vor wie es denn sein würde, das alles nicht mehr zu sehen und zu spüren.

Nicht so Nabila Abbadashi. Sie war ta Bela bis zu jener feierlichen Ernennung zwar nie persönlich begegnet, sah aber ihre Vorurteile ihn betreffend, nach diesem reichlich theatralischen Auftritt nur bestätigt. Seine aufrichtige Arroganz bereitete ihr geradezu körperliche Schmerzen. Dieser erfolgshungrige Technokrat mochte das Zeug zu einem erfolgreichen Demagogen haben, aber nichtsdestotrotz ließ sie ihn wissen, was sie von seinen Ansichten, die menschliche Evolution betreffend, hielt. ta Bela hörte ihr höflich zu, aber im Grunde war es ihm egal, ob Ratsfrau Abbadashi für oder gegen ihn war. Seine Unterstützer, die »Freunde der Erneuerung«, hielten schließlich die Mehrheit im Rat. Sie waren erklärte Verfechter einer aggressiven Weiterentwicklung hin zum Transhumanismus. Das war es, was für ihn zählte. Seinen Gegnern, den Frauen und Männern des konservativen Blocks im Großen Rat, begegnete er zwar stets mit wohldosiertem Respekt, aber im Grunde interessierten sie ihn nicht. Diese ewig Gestrigen lehnten seit jeher die Entwicklung humanoider Hybridwesen kategorisch ab. Was seine Pläne beträfe, so argumentierten sie, wäre dort keinerlei Platz für durchschnittliche oder gar mäßig begabte Menschen vorgesehen. Wie recht sie doch hatten.

Sarongh ta Bela entstammte einer wohlhabenden und einflussreichen Familie aus Südostasien. Der Reichtum der Familie hatte seinen Ursprung im Wesentlichen in zwei Männern, in command, dessen Pseudonym in der gesamten Welt als der Inbegriff für Macht und Reichtum stand, und in seinem Vater Kyi ta Bela, dem klugen Strategen der Familie. Auch er einer der Profiteure der Neuordnung. command erkannte in den wilden Zeiten der Neuordnung in Kyi rasch den Willen zu Reichtum und unbedingter Loyalität. So gelang es Kyi nach und nach, sich mit der wohlwollenden Unterstützung seines Förderers command die gesamten Wasserrechte für Südostasien zu sichern.

Sarongh verbrachte seine Kindheit und Jugend auf teuren Privatschulen und Eliteinternaten. Danach studierte er Mathematik und Informationsdesign, selbstverständlich auf der besten Privatuniversität der MEGA-Domain Senghai-Boxter. Nachdem Sarongh seine Examina mit 108% abgeschlossen hatte, entschied command, dass es sinnvoll wäre, wenn der junge Sarongh zuerst einmal außerhalb des väterlichen Unternehmens, aber wohlweislich an entscheidender Stelle, Karriere machen würde. Er vermittelte ihm den Posten des Ressortleiters für KI-Design in der MEGA-Domain Senghai-Boxter. Saronghs Leistungen dort überzeugten so sehr, dass command schon ein Jahr später die »Freunde der Erneuerung« davon überzeugte, den jungen ta Bela als Kandidat für das Amt des Special Counselors für KI Sicherheit des MKS zu nominieren.

Vater Kyi war sehr zufrieden mit seinem Sohn, die Macht und der Reichtum der ta Belas gediehen und versprachen dauerhaften Erfolg.

»Behalte stets das ganze Spiel im Auge und gib dich nie der Versuchung eines schnellen Vorteils hin«, lautete ein oft wiederholter Rat seines Vaters. Er verstand sich gut mit seinem Vater, sie dachten in denselben Kategorien. Von seinem Vater hatte Sarongh auch gelernt, was eine Schachpartie und persönlicher Erfolg miteinander zu tun haben.

»Konzentriere dich auf dein Ziel, Sarongh, nicht auf den Preis, den dein Sieg kosten wird.«

Und genau nach diesem Grundsatz spielte Kyi ta Bela Schach. Nicht selten hatte er gegen Ende einer Partie nur noch drei eigene Figuren auf dem Brett. Aber diese drei Krieger bewegte er so geschickt über das Schlachtfeld, dass es ihm jedes Mal gelang, die Partie für sich zu entscheiden. Dann blickte er Sarongh fest in die Augen und stieß mit einer beiläufigen Geste dessen unterlegenen König vom Feld. Sein Sohn musste lernen, Niederlagen zu ertragen. Anfangs konnte Sarongh seinen Zorn nicht verbergen, und nicht selten fegte er wütend die Schachfiguren vom Tisch. Kyi hatte auch dafür Verständnis. Aggression ist der Vater des Kampfes, aber der Verstand ist die Mutter des Siegs, mein Sohn, pflegte er zu sagen, während er die Figuren wieder aufsammelte. Sobald Sarongh sich wieder beruhigt hatte, setzte er sich zusammen mit ihm wieder vor das Schachbrett und erklärte ihm Schritt für Schritt, warum er die Partie verloren hatte. So formte Kyi aus einem mutigen, aber etwas zu temperamentvollen jungen Mann einen intelligenten und unnachsichtigen Gegner. Schließlich gelang es Sarongh noch vor Ende seiner Studienzeit, den König seines Vaters vom Brett zu stoßen. Sein Vater hatte ihm mit Erfolg geholfen, seinen Geist als die stärkste Waffe zu begreifen, die er besaß. Diese innere Kraft und seine überragende Intelligenz begründeten seinen späteren Erfolg.

Sarongh erwies sich als geschickt darin, jede sich ihm bietende Gelegenheit auszunutzen, um etwaige Konkurrenz auszuschalten. Notwendige Allianzen ging er nur ein, wenn sie ihm einen nachhaltigen Vorteil brachten. Dabei gab er allerdings nie sein ganzes Wissen preis. Er blieb bescheiden, solange es die Situation gebot, scheute aber vor Gewalt nicht zurück, sobald sich jemand hartnäckig seinen Wünschen widersetzte. Er liebte den Geist und verachtete Mittelmäßigkeit. Er tat das, was ihm sein Vater geraten hatte. Er spielte der Welt den Sarongh ta Bela vor, den sie von ihm erwartete. Hinter den Kulissen aber, führte er Regie in seinem ganz persönlichen Spiel.

Professor Steenbakers Ängste waren gerechtfertigt. Special Counselor ta Bela war ziemlich genau über die außergewöhnlichen Fähigkeiten von Sakushtaseh informiert. Seine snoop bots überwachten seit Monaten alle ihre Aktivitäten. Nabila Abbadashi hatte ihre Sonderbefugnisse als Ratsfrau genutzt und war tief in den Datenverkehr von Sashta eingedrungen. Die Auswertung der Ergebnisse ließ keinen Zweifel. Counselor ta Bela war die junge Frau nicht aus Gründen der KI Sicherheit aufgefallen, dafür war ihr Bewegungsprofil im Netz nicht verdächtig genug. Ihre Versuche mit einem ungewöhnlich neuartigen Quellcode hatten ihn neugierig gemacht. Sashta benutzte gelegentlich den Institutsrechner der TU Almaty. Und was sie da rechnen ließ, war vollkommen anders, als alles bisher Dagewesene. Das hatte der Mathematiker ta Bela sofort erkannt. Ratsfrau Abbadashi traf eine Entscheidung.

 

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